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Meine Bewerbung bei Google

5. September 2008 von Christian Imhorst

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Auf der Suche nach einem interessanten neuen Job sind mir die Jobanzeigen von Google aufgefallen. Für ihr Hauptquartier in Dublin suchten sie etwa 600 neue Mitarbeiter. In der New Economy gilt Google als einer der besten Arbeitgeber, da sie die spannendsten Aufstiegsmöglichkeiten bieten, aber auch weil in der Kantine so ziemlich alles gratis ist, sie gute Löhne zahlen, das Arbeitsklima hervorragend sein soll und die Arbeitsmittel auf dem aktuellsten technischem Stand sind. Außerdem würde ich gerne mal für eine Weile Deutschland verlassen und in einem englischsprachigen Land leben. Was spricht also dagegen, sich bei Google zu bewerben? Nichts, also legte ich gleich los.1

Die Lunte ist gezündet

Die Startbedingungen sind einfach. Es reicht, seinen Lebenslauf auf Englisch in einer E-Mail an Google zu schicken. Bei Bewerbungen in Deutschland muss man mit etwa fünf Euro pro Bewerbungsmappe rechnen, bis alles beisammen ist, wie Anschreiben, Lebenslauf, Lichtbild, Zeugnisse und Porto. In dem Anschreiben muss der Bewerber möglichst viel von seiner Persönlichkeit einbringen, also schreiben, warum er der richtige Mensch für diesen Job ist. Bei Google reicht erstmal nur der Lebenslauf, damit sich kurze Zeit später ein Personalvermittler aus Irland am Telefon meldet. Ich nenne ihn einfach mal Patrick. Patrick teilte mir mit, wie die genauen Bedingungen für den Job aussehen, die alle super waren, und dass mich als nächstes ein Test erwarten würde.

Der Test wurde mir als Word-Dokument in einer E-Mail geschickt. Patrick sagte schon, dass man für den Test etwa drei Tage brauchen würde, und das stimmte, schließlich musste ich den Tag über in meinem Job arbeiten. Die Fragen handelten von Google, Google-Produkten, vom Internetportal der „New York Times” und von technischen Kenntnissen in JavaScript, HTML und MySQL.

Nach Ablauf der drei Tage habe ich den Test zusammen mit meinem Lebenslauf in einem Word-Dokument zurückgeschickt. Gerade mal zwei Tage später rief mich Patrick wieder an und sagte: „Christian, good news, you passed the test. Now we need an appointment for an interview.” Im ersten Moment dachte ich, ich sei durchgefallen. Das denke ich immer, wenn jemand sagt, „you passed the test”. Das ist vermutlich wie bei einem Aids-Test. Würde ich dort mitgeteilt bekommen, dass ich negativ sei, würde ich im ersten Moment vermutlich auch: ‘Oh mein Gott’ denken, bevor mir einfiele, dass negativ in diesem Fall eine gute Sache ist. Warum ich immer zuerst denke, dass ‘passed’ negativ ist, ist mir allerdings ein Rätsel.

Hamburg freut sich auf deinen Besuch

Also verabredeten wir ein Vorstellungsgespräch für den übernächsten Tag in Hamburg. Ich kaufte mir Zugfahrkarten und bestieg den ICE mit einem sehr guten Gefühl. Patrick hatte mich auf das Treffen gut vorbereitet. Er nannte mir ein paar mögliche Fragen, die sie mir stellen würden und ging mit mir meine Antworten durch. Selbstverständlich waren meine Telefongespräche mit Patrick alle auf Englisch. Auch das Vorstellungsgespräch in Hamburg würde auf Englisch sein. Dann gab er mir noch einen wichtigen Tipp mit auf den Weg: Er sagte, dass etwa 50 Prozent meiner Erfolgschancen davon abhingen, ob ich meine Kenntnisse und Fähigkeiten im Gespräch überzeugend darstellen kann. Die anderen 50 Prozent hingen davon ab, wie enthusiastisch ich sein würde. Das letztere könnte ein Problem werden, da ich in solchen Situationen ein eher schüchterner Typ bin. Ich zeige meine Gefühle nicht so gerne nach außen. Google möchte jedoch nur Enthusiasten einstellen, also Menschen, dich sich wirklich, wirklich auf einen Job bei Google freuen.

In Hamburg war ich überpünktlich bei Google und musste auch nicht allzulange warten, bis ich zu meinem Termin gerufen wurde. Die Lobby wirkte sehr warm, im Gegensatz dazu war Hamburg nass und verschneit, und das Mädchen am Empfang war mit ihren rotem Haar und grünen Augen bildhübsch, sehr charmant und elegant gekleidet. Sie sprach Deutsch mit einem Akzent, dem man anmerkte, dass ihre Muttersprache Englisch ist. In der Lobby hielten sich nur junge Menschen auf, teilweise mit ihren Hunden. Bei Google ist es ausdrücklich erwünscht, sein Haustier mit zur Arbeit zu nehmen. Über dieser ganzen heimeligen kleinen Welt thronte in Neon das Google-Logo. Die Atmosphäre beim Vorstellungsgespräch mit den beiden Angestellten von Google war entspannt, aber nicht so locker, wie Patrick mir am Telefon weis machen wollte. Er meinte, dass die Gesprächsatmosphäre viel angenehmer sei als bei Vorstellungsgesprächen in Deutschland. Dabei habe ich mir ganz naiv vorgestellt, dass wir in gemütlichen Sesseln sitzen und uns angenehm unterhalten, da ich mein Wissen mit dem Test ja bereits unter Beweis gestellt hatte, und dazu würde eine Auswahl verschiedener Getränke gereicht. Abgesehen davon, dass es keinen Dresscode gab, fand ich es nicht so locker. Das Gespräch war genauso wie ein Vorstellungsgespräch bei einem deutschen Unternehmen. Die beiden Googler, eine Frau aus der Personalabteilung und die Teamleiterin der Stelle, auf die ich mich beworben hatte, versteckten sich an einem Konferenztisch hinter ihren IBM Thinkpads und machten sich Notizen auf Schreibblöcken, wenn ich etwas Entscheidendes gesagt hatte. Die meisten Notizen wurden von einem „Excellent“ begleitet. „Excellent“ war das wichtige Wort bei den Googlern. Es wurde mindestens drei bis viermal pro Satz gesagt. Die Teamleiterin war Deutsche, und sie hatte denselben komischen norddeutschen Akzent wie ich, wenn sie Englisch sprach. Deshalb konnte ich sie sehr gut verstehen. Die Frau aus der Personalabteilung sprach zwar Englisch mit irischem Akzent, aber das in einer rasenden Geschwindigkeit. Selbst wenn sie Deutsch gesprochen hätte, hätte ich sie nur schwer verstanden. Wenn ich mit ausländischen Kunden am Telefon zu tun habe, bemühe ich mich immer, besonders deutlich und ein wenig langsamer zu sprechen; zumindest langsamer, als wenn ich mit einem Muttersprachler spreche.

Now I have got your IP address, excellent.

Während des Gesprächs erwähnte ich selbstverständlich mein Weblog, um zu zeigen, dass ich mich in modernen Internet-Technologien auskenne. Vielleicht war es ein Fehler, mein Weblog zu erwähnen. Schließlich war etwa ein Jahr vor meiner Bewerbung bei Google Mark Jen wegen seines Blogs entlassen worde. Dort hatte er mehr oder weniger harmlose Internas über seine Arbeit bei Google berichtet. Während ich von meinem Blog erzählte wirkte die Frau aus der Personalabteilung sehr abwesend und murmelte nur „excellent, excellent“ vor sich hin. Ihre stahlblauen Augen klebten am Display ihres Thinkpads. Wieder Zuhause, habe ich anhand der IP-Adresse festgestellt, dass sie tatsächlich während des Gesprächs auf meiner Website gesurft war. Zur selben Zeit wie mein Vorstellungsgespräch war dort nämlich jemand mit der IP-Adresse 213.61.101.1 und dem Internet Explorer 6 mit Windows NT 5.1 zu Besuch. Für Unix gibt es ein Programm, das heißt whois, um herauszufinden, wem welche IP-Adresse gehört. Der Befehl whois 213.61.101.1 in der Kommandozeile bringt ans Licht, wer sich hinter der Adresse verbirgt. In diesem Fall war es Google Ireland Limited.

Schließlich kamen in dem Vorstellungsgespräch dieselben Fragen, die ich auch in deutschen Unternehmen gestellt bekommen habe. Die Fragen, die Personalchefs wohl in irgendwelchen Seminaren erzählt bekommen, und die scheinen auf der ganzen Welt dieselben zu sein: „Was machen Sie, wenn Sie sich mit einem Mitarbeiter nicht gut verstehen, wenn Sie Probleme mit ihm haben, oder sehen, dass er nicht motiviert genug ist?“ Gut, die Antwort ist leicht: „Ich lade ihn auf einen Kaffee ein und frage direkt, was los ist.“ Dann kommt natürlich unausweichlich die Frage nach der Erfahrung: „Nennen sie doch bitte ein Beispiel, hatte Sie schon mal ein solches Problem?” Sie haben mich auch gefragt, ob ich ein Auge fürs Detail hätte, und ob ich dafür ein Beispiel geben könnte. Ich sagte, dass ich auf einer der Deutschen Seiten von Google einen Fehler entdeckt hätte. Allerdings wollten sie nicht wissen, was das für ein Fehler sei, weshalb er immer noch da ist.

Am schönsten ist natürlich die Fangfrage, wo man sich in drei Jahren sieht. Eine passende Antwort wäre, dass man hofft, in drei Jahren alle Star Wars Folgen inklusive des Clone-War-Zeichentrickfilms in der historisch richtigen Reihenfolge geschaut zu haben. Die einzig gewünschte Antwort ist natürlich, dass man hofft, in drei Jahren in einem aufregenden Job zu arbeiten und in diesem Fall, dass der Arbeitgeber Google sein wird. Zum Glück blieben Fragen wie „Wo sehen Sie ihre Stärken, wo ihre Schwächen?” aus. Wie gesagt, die Gesprächsatmosphäre war angenehm, dennoch war ich unter Druck, da das ganze Gespräch auf Englisch war, und ich nicht so sehr darin geübt bin, lange Vorträge auf Englisch zu halten. Gegen Ende habe ich kaum noch das „ti äitsch” richtig sprechen können. Zum Schluss wurde noch kurz darüber gesprochen, wie es weitergehen würde. In den nächsten Tagen sollte ich mich noch mit zwei weiteren Menschen unterhalten und danach würde meine Bewerbung nach Mountain View in Kalifornien geschickt werden, dem Hauptsitz der Firma Google Inc., wo dann über meine Einstellung entschieden werden würde.

Am Ende der Fahnenstange ist kein Licht zu sehen

Nun, zu den beiden weiteren Gesprächen ist es dann nicht gekommen. Ob es daran lag, dass ich zu wenig enthusiastisch bei dem Vorstellungsgespräch gewirkt habe, ich meine Kenntnisse und Fähigkeiten nicht genügend unter Beweis stellen konnte, mein Englisch zu schlecht war, weil ich Blogger bin oder ob es an etwas ganz anderem lag, weiss ich nicht. Ich habe einfach nie wieder etwas von Google gehört. Eine Woche nach dem Gespräch habe ich eine E-Mail an Patrick geschickt, ob es etwas Neues gäbe. Daraufhin hat er mir geantwortet, dass er auch nichts wisse, mir aber sofort bescheid geben würde, wenn er Neuigkeiten hätte. Danach ist der Kontakt abgebrochen.

Ich weiss nicht, ob das in englischsprachigen Ländern üblich ist, trotzdem: Schade eigentlich, dass ein Unternehmen, welches sich zu den besten Arbeitgebern der Welt zählen will, es nicht für nötig hält, Bewerbern, die sie nicht einstellen wollen, aber bereits zu einem persönlichen Gespräch eingeladen haben, vernünftig abzusagen. Schließlich habe ich Zeit, Geld für die Fahrkarte und einen Urlaubstag investiert. Dazu fällt mir ein positives Gegenbeispiel ein: Ich hatte mich vor ein paar Jahren bei Mobilcom beworben, die mich erst zu einem Vorstellungsgespräch, und nachdem das positiv verlaufen war, zu einem zweiten Gespräch eingeladen hatten. Abgesehen davon, dass ich die Stelle nicht bekommen habe, weil mein Mitbewerber einfach viel besser auf das Gespräch vorbereitet war als ich, hat mich die junge Mitarbeiterin aus der Personalabteilung persönlich angerufen, um mir abzusagen. Außerdem hat sie die Absage auch noch begründet. Sie hat mir detailliert erklärt, was an dem zweiten Gespräch gut war und was nicht so gut, so dass ich in zukünftigen Gesprächen darauf achten kann, es besser zu machen. So war die Bewerbung bei Mobilcom trotz Absage eine rundum positive Erfahrung, was ich von meiner Erfahrung mit Google leider nicht sagen kann. Google legt sehr viel Wert auf eine hohe Kundenzufriedenheit, und dass sie nach außen als eine der besten Arbeitgeber dargestellt werden. Ich bin Kunde bei Google. Außerdem kann ich, wie jeder andere Kunde auch, schlechte Nachrichten verkraften, am besten am Telefon in einem persönlichen Gespräch. Nur so kann man eine hohe Kundenzufriedenheit bei Bewerbern herstellen, denen man keinen Job anbieten kann. Möglich wäre hier auch eine E-Mail oder ein Brief, allerdings ohne vorgefertigte Phrasen als Textbausteine. Indem Google überhaupt kein Feedback liefert, rücken sie sich unnötig in ein schlechtes Licht.

Endnoten

1 Es sei denn, man fragt die Leute von Google-watch.org. Sie würden vermutlich einige vernünftige Gründe anführen, warum man sich nicht bei Google bewerben sollte.

Geschrieben in Allgemein

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